Neugier

Am Anfang jeder Geschichte steckt die Neugier. Das spürte ich bereits als Kind, als ich mit meinem großen Bruder eine Detektei gründete. Sie befand sich auf dem Dachboden des Schuppens in unserem Garten. Eine steile Leiter führte hinauf in unser Reich, das mit braunem Teppich ausgelegt war. In der hintersten Ecke stand ein grüner Sessel vor einem Kinderschreibtisch. Darauf lagen unsere Rechercheunterlagen, eine Lupe, ein Feuerzeug (um Geheimtinte sichtbar zu machen), mehrere Bleistifte und Schreibpapier. Ich weiß noch, wie es dort roch und wie viele Spinnenweben in den Ecken hingen. Doch ich liebte dieses kleine Reich, unseren Rückzugsort. Dennoch war uns die Recherche in der Dachkammer allein bald zu langweilig. Wir wollten hinaus ins Leben und fingen an, die Nachbarn, die wir besonders mochten, zu beobachten. Allerdings – auch das spürte ich bald – taugte ich nicht viel als Spitzel. Denn lieber als die Leute da draußen bloß zu beobachten, wollte ich mit ihnen reden und hören, was sie zu erzählen hatten. Das ist bis heute geblieben: Die Neugier auf das, was Menschen antreibt. Herauszufinden, was ihnen wichtig ist und warum sie tun, was sie tun. Jemanden vor sich zu haben, der einem Fragen stellt, löst bei vielen sogar ganz neue Gedanken aus. Das erinnert ein wenig an Bertolt Brecht, der einmal sagte: »Jeder möge sein eigener Geschichtsschreiber sein, dann wird er sorgfältiger und anspruchsvoller leben.«