Geduld

Den Faden aufrollen. Oft weiß ich zu Beginn eines Textes noch nicht genau, wie er enden wird. Oft ist es, als führte er ein Eigenleben. Deshalb geht es beim Schreiben weniger darum, den gehörten Geschichten Strukturen aufzuzwingen, als vielmehr, ihnen immer wieder zuzuhören. Zu beobachten, wohin sie sich bewegen wollen, zu horchen, was sie wirklich zu sagen haben.

Man ist in diesen Momenten weniger Schreiber, als vielmehr so etwas, wie ein Freund, der der Geschichte so lange zur Seite steht, bis sie endlich die richtige Worte, die wichtigsten Inhalte, den richtigen Ton getroffen hat.

Geschichten, sagt Stephen King, sind wie Fossilien. Man muss sie freilegen, wie ein Archäologe. Und je feiner die Werkzeuge sind, die man dafür hat, desto filigraner werden die Werke. 

Schätze

Geheimnisse. Wie viel sollte man von sich preisgeben? Ich glaube so viel, dass andere einen verstehen, sich Bänder knüpfen können, man einander vertraut. Aber nicht unbedingt alles. Damit der Schatz beschützt bleibt, den man in sich trägt. Damit er noch genügend Raum hat, sich zu entfalten.

Ein norwegischer Schriftsteller, den ich sehr schätze, Lars Saabye Christensen, erzählte mir einmal, dass ihm Leser auf der Straße in Oslo manchmal Fragen zu den Hauptfiguren seiner Romane stellen – und er sie nicht beantwortet. »Ich möchte, dass ein Roman Geheimnisse hat«, sagt er ihnen dann. »Aber wenn Sie sehr aufmerksam lesen, werden Sie die Antworten finden.«

Als Schriftsteller sei es seine Verantwortung, auf seine Geschichten aufzupassen, sagt Christensen, und auch, dass nur ein einziger Satz einen Roman ruinieren könne. Für Geschichten gilt, was für Pakete gilt, in denen etwas sehr Wertvolles transportiert wird: Achtung, zerbrechlich! Man sollte sorgsam mit ihnen umgehen.

Detektieren

Worte. Worte schaffen Welten. Worte sind Handlungen. Wir hören es überall – wenn Eltern zu ihren Kindern sprechen, Lehrer zu Schülern, Liebende zueinander, Feinde übereinander. Wir hören es auch an Wortschöpfungen – an bereichernden wie »Gedankenpalast« oder verstörenden wie »Asyltourismus«.

Worte jedenfalls tun etwas. Sie sind nicht harmlos. Sie bleiben nicht ohne Folgen. Und so dachte ich kürzlich über das Wort »detektieren« nach.

Detektieren heißt erkennen, feststellen, anzeigen, registrieren. Es bedeutet, etwas auf ein Ziel hin zu untersuchen. Synonyme für detektieren sind erkunden, aufklären, einer Sache auf den Grund gehen. Mir gefällt das Wort. Bevor ich die Detektei gegründet habe, habe ich es noch nie verwendet.

Aber langsam ahne ich, warum ich es mag. Ich detektiere, um mir neue Räume zu schaffen. Um Dinge zu verstehen. Und um mir meine eigene Welt ein bisschen größer zu machen. Nicht kleiner. Sondern größer und weiter.

Bitte einsteigen

Spiel. »Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.«
Friedrich Schiller

Geschichten zu erzählen, bedeutet zu spielen. Mit Erinnerungen, mit Gefühlen, mit Gedanken. Zu spielen bedeutet, sich auf die Suche zu begeben, selber zu denken, seine eigene Persönlichkeit und die anderer kennenzulernen – zu verstehen und zu schätzen. Zu spielen bedeutet, frei zu sein und neue Welten zu entdecken. Warum spielen wir nicht viel, viel mehr?

Flugsimulatoren

Geschichten. Der amerikanische Literaturwissenschaftler Jonathan Gottschall zitiert in seinem Buch »The story telling animal« den kanadischen Romanautoren und Psychologen Keith Oatley für den Geschichten das sind, was Flugsimulatoren für Piloten sind. Anhand von Geschichten, so Oatley, können wir uns auf sichere Weise auf die großen Herausforderungen in unseren eigenen Leben vorbereiten. An ihnen können wir üben, unsere Fähigkeiten und unsere Aufmerksamkeit schärfen. Damit wir, wenn es so weit ist, wenn wir uns selbst durch schwierige Situationen navigieren müssen, besser wissen, was zu tun ist.

Gottschall erwähnt in seinem Buch auch eine Studie, die besagt, dass Menschen, je mehr Literatur sie lesen, umso bessere soziale Fähigkeiten aufweisen, dass sie etwa empathischer sind.

Das verwundert kaum. Schließlich geben Geschichten uns die Möglichkeit, uns in andere hinein zu versetzen und somit auch unsere eigenen inneren Räume zu erweitern. Ich glaube, dass es deshalb so wichtig ist, dass wir uns Geschichten erzählen. Geschichten, die davon erzählen, was uns wirklich bewegt. Denn sie können uns selbst und anderen helfen und sie können die Welt tatsächlich verändern. Weil sie bei jedem einzelnen von uns ansetzen. Bei unserer Art zu denken.

Der Stein der Weisen

Island. Ich war einmal auf einer winzigen Insel, die in einem zauberhaften Fjord vor der Nordküste Islands liegt und in vielerlei Hinsicht besonders ist. Es gibt dort keine Ratten, keine Marder, keine Füchse, weil das Eiland einst eine Quarantänestation war und diese Tiere von der Insel verbannt wurden. Seither sind die Schneehühner dort die heimlichen Herrscher. Von überall her tönt ihr Rülpsen. Denn so klingt das Geräusch, das sie von sich geben.

Auch die einzige Inselkatze, die kurz zuvor verstorben war, hatte den Schneehühnern nie etwas getan, denn sie war stets angeleint gewesen. Auch an jenem Morgen, als ausgerechnet der Inselpfarrer sie ins Jenseits beförderte. Ihre Leine reichte nur ein kleines Stück bis auf die Hauptstraße und die Katze, die schon viele Jahre auf diesem sonst seelenruhigen Eiland lebte, konnte nicht ahnen, dass der Pfarrer an jenem Morgen verschlafen hatte und die Hauptstraße hinunterpeste, um noch die Fähre zum Festland zu bekommen…

Sonst passierte auf dieser Insel nicht viel. Es war dort so friedlich, dass der Miesmuschelzüchter meinte, alles, was man tun müsse, um Kinder gut aufwachsen zu lassen, sei: Sie rauszulassen, wenn sie drei Jahre alt sind und sie wieder rein zu holen, wenn sie 18 sind.  

Auf der Insel lebte außerdem ein Mann namens Alli, der sieben Berufe hatte, mindestens. Er war: Traktorfahrer, Touristenführer, Clown, Kosmetikhersteller, Schauspieler, Theaterintendant und Schriftsteller. Er führte mich über die Insel, erzählte mir allerlei Geschichten und so manche seiner Theorien. »Rauchen«, sagte er zum Beispiel schmunzelnd, »ist gar nicht gesundheitsschädlich. Solange man zu jeder Zigarette einen Espresso trinkt!«

Eines Tages brachte Alli mich zu einer älteren Frau, die mit ihrem Mann in einem Haus nah am Meeresrand lebte. Sie hatte hellblaue, zartwässrige Augen, in denen sich Myriaden von Erinnerungen abzuspielen schienen. Als ich sie sah, dachte ich an Astrid Lindgren.

Wir tranken Kaffee und aßen Kekse und irgendwann erzählte sie von den Kindern, die in diesem Haus gelebt hatten. Vor unzähligen Jahren. Manchmal kamen sie noch vorbei, dann saßen sie oben an der Treppe, die von der Küche aus in den ersten Stock führte und ließen ihre Beine zwischen dem Geländer hindurch baumeln. Sie lächelte. Dann wurden ihre Augen traurig.

Manchmal sehe sie auch den Mann und seinen Sohn im Ruderboot, die hier auf dem Meer vor vielen Jahren an einem stürmischen Tag ertrunken waren. Sie habe eine Art siebten Sinn. Auch Kinder hätten ihn, weil sie noch offener seien für all das, was da sonst noch so sei in dieser Welt. Die Frau schien ihre Gabe zu mögen, auch wenn sie ihr hin und wieder Tränen in die Augen trieb. Es war, als wären die Geister der Vergangenheit für sie Mitmenschen wie alle anderen auch.

Nur manchmal, sagte sie, sei es etwas peinlich. Vor allem, wenn sie in Reykjavík sei. Einmal hatte sie sich auf der Straße stundenlang mit einer Frau unterhalten. Nur, um später von ihrem Mann zu hören, dass er niemanden gesehen habe. Die Frau guckte beschämt. Sie hatte nicht gemerkt, dass es ein Geist gewesen war.

Bevor ich die Insel verließ, schenkte mir Alli einen Stein. Einen Bergkristall. Er sagte, er würde mir beim Schreiben helfen. Heute liegt dieser Stein auf meinem Schreibtisch und erinnert mich daran, dass wir niemals wissen können, was in den Köpfen der Menschen um uns herum vor sich geht, wenn wir einander nicht voller Neuiger fragen.

 

Warten

Vulcano. Einmal, es ist schon ein paar Jahre her, saß ich auf einer Fähre, die mich von Milazzo auf Sizilien zur Insel Vulcano brachte. Mir gegenüber saß eine Frau, mit aufällig glücklichem Lächeln. Sie musterte mich, aber sagte nichts. Noch nicht.

Sie war nicht allein unterwegs, sondern mit ihrem Mann und, wie ich später erfuhr, ihrer Stieftochter. Sie hieß Anna und kam aus Catania. Die drei machten einen Ausflug.

Es war Sommer und auf der kleinen vulkanischen Insel vor der Nordküste Siziliens war es fast unerträglich heiß. Die Strände glühten. Dennoch lief ich über die Insel und erkundete sie. Als ich wieder zum Schiff kam, das mich zurück nach Milazzo bringen sollte, hatte es Verspätung. Wir bekamen Gutscheine für ein Essen in einer nahegelegenen Trattoria. Wieder sah ich die Frau, wieder beobachtete sie mich.

Dieses Mal sprach sie mich an. Ob ich allein unterwegs sei? Ich könnte gern mit ihnen essen. Das tat ich. Und so erzählten wir uns aus unseren Leben. Ich sagte ihnen, dass ich diesen Sommer in einer Pizzeria auf Sizilien arbeiten würde, als Kellnerin, um die Sprache zu lernen. Ein paar Tage später kam Anna mit ihrem Mann und dessen Tochter bei mir in der Pizzeria vorbei und sie luden mich nach Catania ein. So besuchte ich sie kurz bevor ich Sizilien verließ.

Und da endlich rückte Anna mit der Sprache heraus. Sie habe mich auf der Fähre gesehen und seitdem den Wunsch gehabt, mir von ihrer großen Liebe zu erzählen. Es war ihr Mann, der neben ihr stand. Er war ihre Jugendliebe gewesen, aber es war nicht gut gegangen, damals. Irgendwann hatten sie sich getrennt. Und wie das Leben so spielt, hatte er eine andere Frau geheiratet und sie war allein geblieben. Aber irgendwann trafen sie sich wieder.

Dieses Mal kämpfte er um sie. Erst zeigte sie ihm die kalte Schulter, ist ja klar, sagte sie. Aber dann gab Anna nach. Sie hatte ihn über all die Jahre nie vergessen. Heute waren sie ein Paar und wie glücklich sie waren, sah man an ihrem Strahlen.

Das, sagte Anna, habe sie mir erzählen wollen, von Anfang an als sie mich auf der Fähre sah. Irgendwie war es ihr wichtig erschienen.

Ich war gerührt. Und ich dachte – warum machen wir das nicht viel öfter? Einander all die schönen Geschichten erzählen, von den Dingen, die am Ende gelingen?

Zauberformel

Fear not. Zu Schreiben ist nicht immer leicht. In Wahrheit ist es manchmal schwer, die richtigen Worte zu finden für das, was man denkt oder fühlt oder ausdrücken möchte. Dies ist die Zauberformel, die mir ein guter Freund aus Island mit auf den Weg gab. Sie wirkt.

Jack

Südafrika. Es war der erste Tag meines Stipendiums. Zwei Monate sollte ich bei einer Tageszeitung in Kapstadt arbeiten, die auf den ersten Blick, nach einem Boulevard-Blatt aussah – jeden Tag machte sie mit einer »Crime Story« auf. Doch sie hatte einen guten Ruf: Während der Apartheid war sie eine bedeutende Stimme der Opposition.

Es war 2005. Ich betrat das Verlagshaus; man schickte mich direkt in die Redaktion. Ein Großraumbüro. Ich fragte nach dem Redakteur, der sich um den Nachwuchs kümmerte. Mit ihm hatte ich E-Mails geschrieben. »Schau mal im Raucherzimmer«, sagte jemand.

Dort fand ich ihn.

Ein Mann Anfang Vierzig mit wachen, funkelnden Augen,  einem Magnum-Schnurrbart und großzügigem Grinsen. Er war das, was man in Südafrika »coloured« nannte. Ich stellte mich vor.

»I am Jack«, sagte er.

Und kurz darauf: »I am a black man.« Er musterte mich.

Ich nickte.

Dann sprach er weiter: »I was born in a township.« Er rauchte und schaute mich an. Ich nickte.

»I was a gang member«, sagte er. Er meinte: während der Apartheid.

Ich nickte.

»The gang leader, actually«, fügte er hinzu. Jeder Satz ein Schuss aus der Pistole. 

Ich nickte.

»Charged for murder«, sagte er. »Twice.« Und hielt dazu zwei Finger hoch.

Jetzt musterte ich ihn.

Aber sie hätten ihn wieder frei gelassen, sagte er.

»Und?«, fragte ich. »Bist du’s gewesen?«

Jack brach in schallendes Gelächter aus und haute mir auf die Schulter.

In diesem Moment wusste ich, dass wir Freunde werden würden. Er hielt nichts von Journalisten, die Angst hatten, Fragen zu stellen. »Wenn schon Journalisten zu feige sind, Fragen zu stellen«, sagte er. »Wer soll’s dann tun?«

 

Magie

Messina. Ich sah ihn schon von Weitem. Am Bahnhof von Messina, wo ich wartete. Es war heiß, Mitte Juli und der Zug hatte schon fast drei Stunden Verspätung. Typisch Sizilien. Die Hitze war lähmend. Trotzdem trug er einen schwarzen Anzug. Und einen Aktenkoffer. Er war groß und schlaksig und bewegte sich irgendwie ungelenk. Mechanisch. So als wollten die Füße schneller als der Kopf. Er erinnerte mich an Roberto Benigni, wenn er aufgeregt ist.

Er kam auf mich zu und fragte, wie spät es ist. Dabei waren wir am Bahnhof – überall hingen Uhren.

Und der Zug, war der schon da?
Nein.

Er bedankte sich. Und zog von dannen. Komischer Kauz, dachte ich. Dann traf der Zug ein und ich hatte ihn schon fast wieder vergessen, als ich einstieg und in ein leeres Abteil schlüpfte.

Da öffnete er die Tür und setzte sich mir gegenüber. Stand auf. Zog sein Jackett aus. Hängte es säuberlich über einen Haken, strich es glatt. Setzte sich. Stellte den Koffer ab. Nahm ihn hoch, legte ihn auf seine Knie. Stellte ihn wieder hin. 

Jede seiner Bewegungen verbreitete Hektik. Ab und zu lächelte er. Ich rutschte auf meinem Sitz hin und her. Es war schwer einzuschätzen, wer er war und was er wollte. Wieder griff er zum Koffer. Nahm ihn auf den Schoß. Dieses Mal öffnete er ihn. Klack. Klack. Das Schloss sprang auf. Er lüpfte den Deckel.

Ein roter Ball fiel zu Boden. Er hob ihn auf und setzte ihn sich auf die Nase.

Er war ein Zauberer aus Syrakus – und nervös. Denn er war auf dem Weg zu seiner ersten Fernsehaufzeichnung in Palermo.